Quelle: Schnüss. Das Bonner Stadtmagazin. Jahrgang 2007, Ausgabe November. Seiten 24-26.
… dokumentieren, ob sich der Decubitus verändert hat, abtrocknen, ankleiden, vier Minuten Arme und Beine bewegen. Das war wichtig, um Kontraktionen (Kontraktionen. Bezeichnung für Verkümmerung und Schrumpfen der Muskeln und Sehnen bei mangelnder Bewegung.) vorzubeugen. Wurde es nicht gemacht, begannen sich die Sehnen und Muskeln zuerst langsam, dann immer schneller zusammenzuziehen, der Körper krümmte sich, die Gliedmaßen winkelten sich an, bis die Embryonalstellung erreicht war. Und verhärteten. Zum Schluß lagen zusammengekrümmte, steife Mumien in den Betten. Bettdecke drüber, ein nettes Wort zum Abschied und zum nächsten. Durchschnittlich sechzehneinhalb Minuten, wenn man Routine hatte.Jan brauchte achtzehn Minuten, und er hatte acht Bewohner auf seiner Liste, die so zu behandeln waren.Schwieriger war es bei den drei Bettlägrigen, die noch bei klarem Verstand waren. Herr Krander hatte ein dreiviertel Jahr im Koma gelegen, und als er aufgewacht war, mußte er feststellen, daß er wie ein Ungeborenes im Mutterleib zusammengekrümmt war und nur noch die Finger ein klein wenig bewegen konnte. Er lag auf der Seite, und das Laken unter ihm hatte sich irgendwie seltsam angefühlt. Naß. Und das Zimmer, indem er lag, hatte gestunken. Nach verwesendem Fleisch, süßlich und zum Erbrechen. Er hatte versucht zu rufen, aber seine Mund war ausgetrocknet und es kam nichts heraus als ein heiseren, leises Krächzen. Schläuche kamen unter der Bettdecke hervor und liefen zu einem Ständer mit einem Infusionsbeutel. Er war allein unter der Neonlampe gewesen, Stunden, hatte er Jan erzählt, nachdem er Vertrauen zu ihm gewonnen hatte. Dann war er ins Heim gekommen, Pflegefall.Jan klopfte an die Tür, steckte den Kopf herein und zwang sich zu einem Lächeln: „Guten Morgen, Herr Krander!“ sagte er möglichst fröhlich. „Ich wasche zuerst Herrn Ohnsorg, in Ordnung, dann können wir uns länger unterhalten!“ Herr Krander war immer wach, wenn er kam, manchmal bei Nachtdienst kam Jan zu ihm ins Zimmer, um sich mit ihm zu unterhalten – der Siebzigjährige konnte nicht schlafen.„Sie sind ein guter Mensch, Jan“, sagte Herr Krander leise mit seiner traurigen Stimme. Er lächelte ein ganz klein wenig. Jan fühlte etwas wie Scham in sich und drückte sie zusammen mit dem Gefühl von sich fort, ein widerliches Arschloch zu sein. Herr Krander war ein netter, interessanter Mann, aber obwohl Jan ihn mochte, ging er nicht gern zu ihm, mußte sich jedesmal überwinden. Er schlug die Bettdecke von Herrn Ohnsorg zurück und kleidete ihn aus.„Wissen Sie“, fuhr Herr Krander fort, „Ich beneide ihn, er trägt seinen Namen zu recht.“ Jan nickte. Er konnte das verstehen. Aber noch besser wäre es, dachte er, und Herr Krander führte es mit leiser Stimme fort: „Tot zu sein, wissen Sie, Jan, das wäre wirklich eine gute Sache.“„Hören Sie doch auf, Herr Krander“, wandte Jan schwach ein. „Sie leben, und Sie haben etwas sehr wichtiges behalten: Ihren klaren Verstand. Das kann Herr Ohnsorg nicht von sich behaupten. Ich komme gern zu Ihnen, die Unterhaltungen machen mir Freude, Sie sind ein erfahrener, intelligenter Mann. Nächste Woche habe ich wieder Nachtdienst, und ich freue mich auf unsere nächte Partie Schach.“ Jan log, und er wußte es, aber das leise Lächeln auf Kranders Gesicht war etwas, das sonst niemand im Heim hervorbrachte. Krander hatte Recht: Wäre Jan an seiner Stelle gewesen, er hätte nichts lieber gewollt als endlich zu sterben. Er würde aus dem Fenster springen, sich aufhängen, seine Pulsadern aufschlitzen, egal was, und wenn es noch so schmerzhaft wäre – alles, nur nicht länger das. Herr Ohnsorg brabbelte irgendetwas, Speichel floß über die trockene Unterlippe und ein wenig öffneten sich die milchigen Augen. Sie fixierten nichts, waren nach oben unter die Lider gedreht, daß die Augäpfel gänzlich weiß waren. Ohnsorgs Haut war wie Pergament, gräulich und an Händen und Füßen mit braunen Flecken übersäht. Die Muskeln an Armen und Beinen nur noch Hautlappen, die herunterhingen. Es hatte sich kein Loch in sein Fleisch gefressen, eitelvoll und faulend. Ihm hätte es nichts ausgemacht, die Welt war nicht fair. Er trocknete ihn ab, zog ein neues Krankenhemd über und schaute auf die Uhr. Sieben Minuten. Elf Minuten zusätzlich für Krander. Er ging hinüber und fühlte das flaue Gefühl in der Magengegend und den Kloß im Hals, der er immer bekam.„Jetzt sind Sie dran!“ sagte er möglichst fröhlich.„Machen Sie das eigentlich gern?“ fragte Krander. Er versuchte es hinauszuzögern, wie immer, und Jan war ihm sogar dankbar dafür.„Wenn Sie ein junge dralle Frau wären, Herr Krander, mit hübschen, festen Brüsten, würde ich es gern machen“, versuchte Jan zu scherzen. „Ich muß ja durchaus zugeben, daß es mir nicht wirklich Freude bereitet, alte Männer zu waschen. Aber sehen Sie, irgendjemand muß es doch machen, oder?“ Er holte tief Luft und schlug die Bettdecke zurück. Krander lag auf der Seite, er konnte auch nicht anders liegen, denn sein Rücken war zu stark gekrümmt, als daß er bäuch- oder rücklings liegen konnte. Er war nackt, denn alle Versuche, ihm etwas anzuziehen, waren sinnlos, die knochigen Knie berührten das Kinn, die Hände lagen mit angewinkelten Ellbogen vor der ausgemergelten Brust, Krander konnte nichts mehr bewegen außer die Muskeln in seinem Gesicht.„Warum…“, begann der Alte, aber Jan unterbrach ihn: „Nein, Herr Krander, ich werde keinen blöden Hammer mitbringen und Ihnen den Schädel einschlagen. Das habe ich Ihnen schon tausend Mal gesagt!“ Das Unangenehme daran war, daß Jan ernsthaft daran gedacht hatte. Zwar kein Hammer, aber vielleicht Nase und Mund zuhalten, oder, noch besser, einfach ein paar mehr von den Schmerztabletten, die Krander sowieso bekam. Krander war nur langsam aufgetaut, hatte anfangs Jan einfach ignoriert, und die ersten Worte, die er an ihn gerichtet hatte, waren die Bitte gewesen, ihn zu erlösen. Krander schwieg, während Jan seine Seite wusch. Die eingehaltene Luft war verbraucht, und unter dem Vorwand, den Lappen in den Eimer zu tauchen holte er Atem. Trotzdem würgte es ihn in der Kehle, und sein Magen bäumte sich auf. Es war gut, daß er sich entschlossen hatte, später zu frühstücken. Der Geruch nach Kadaver war, daß Jan kaum Luft holen konnte, ein widerwärtig süßlicher Geruch verwesenden Fleisches. Er schloß kurz die Augen, wusch den Lappen aus und wandte sich Krander wieder zu, faßte ihn an Schienbein und Ellenbogen und drehte ihn langsam, von sich weg. Wenigstens mußte er ihm nicht in die Augen schauen.
Die nassklebrigen Geräusche zwangen Jan, zu schlucken, um die Übelkeit zu unterdrücken. Auch wenn er die Augen geschlossen hatte und die Luft anhielt, er wußte, was er sehen würde, wenn die Augen öffnete, wußte, was er röche, atmete er ein. Er schlug die Augen auf.
Kranders Rücken war offen, entlang der Wirbelsäule vom letzten Rippenbogen abwärts eine schwärende, offene Wunde, die oben fingerbreit war, aber am Steiß ein handgroßes Loch. Die Wirbel lagen frei, schwammen in gelblich-dickem Eiter, man sah stellenweise die Rippenansätze. Die Haut um die Wunden herum war schwarz. Ein zweiter, riesiger Decubitus ließ den rechten Hüftknochen aus einem Krater herausstehen, am Knie und am Ellenbogen hatten sich ebenfalls Löcher in Krander hineingefressen. Der Schließmuskel lag inmitten rohen, eiternden Fleisches. Jan hatte es so oft gesehen in den letzten Monaten, jeden Morgen, und trotzdem zog sich in ihm alles zusammen. Die Löcher fraßen sich weiter in Krander heran, sie waren zu groß, als daß die geringste Hoffnung bestände, daß es auch nur bessern konnte. Die Rückenmuskeln waren stellenweise bis auf die Knochen weggefressen, oder vielmehr, Jan versuchte, es nicht zu denken, weggefault. Krander verweste Stück für Stück und am lebendigen Leib, das verfaulte Fleisch wurde entfernt, jedes Mal ein Stückchen mehr und die Löcher in ihm wurden immer größer, und die Infektion immer schlimmer. Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendeine lebenswichtige Ader oder Vene angegriffen wurde und entweder die Fäulnis ins Blut kam, oder das Blut einfach aus ihm herauslief. Jan hoffte fast, daß es bald geschehen würde. Eine Ader am besten, dann ging es schnell, und Krander würde sowieso nichts merken vor all dem Schmerz.
Vorsichtig fuhr Jan mit Latexhandschuhen von den Wirbeln die Rippen entlang, seine Finger glitten unter die Muskeln, und er hob sie ein wenig an, um die eitervollgesogenen Mullkompressen herauszuziehen. Sie waren mit desinfizierender Flüssigkeit behandelt, um zu verhindern, daß die Fäulnis an den Rippen entlangkroch und Krander auch noch von Innen nach Außen verweste. Jan tupfte die Wunden ab, bis das Fleisch blutrot und ohne den gelblichen Schleim dalag, um es vorsichtig mit Kaliumpermanganat abzuwaschen. Das würde zumindest das Faulen verlangsamen. Dann stopfte er vorsichtig neue Kompressen unter die Muskeln und wusch die noch intakte Haut, darauf achtend, daß keine Seife in die Löcher kam. Er wechselte die Laken und Bezüge und drehte das gesamte Bett um seine eigene Achse, damit Krander eine Zeitlang auf seiner gesunden Seite lag und trotzdem nicht gegen die Wand starrte.
„Ich muß leider weiter, Herr Krander“, sagte er mit einem Blick auf die Uhr. Krander nickte, und seine Augen blickten zugleich freundlich wie traurig. Er schämte sich für seinen Körper, das sah man, aber viel mehr noch, daß er hilflos dalag und andere belastete, ihnen ekelerregende Arbeit machte, sie quälte mit seinem erschreckenden Aussehen. Jan verließ das Zimmer und atmete tief durch. Wenn diese Ärsche im Krankenhaus in ab und an umgedreht und gewaschen hätten, und einmal am Tag fünf Minuten Arme, Beine und Finger bewegt, hätte Krander wahrscheinlich mit ihm einen Spaziergang im Park machen können, wenn er überhaupt ins Heim gekommern wäre. Er hatte das Herz eines Ochsen. Trotzdem er lebendig verfaulte, wollte es einfach nicht zu schlagen aufhören.
Die restlichen drei Zimmer verbrauchten die Zeit bis halb neun Uhr, und Jan wußte, daß er, fragte man ihn später, nur allgemeine Antworten würde geben können, er drängte die blassen, vegetierenden Körper aus sich heraus, reduzierte sie auf Decubiti-Ausmaße, Stuhlgangstatistik und die ausgefüllte Pflegekarte.
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["Trotzdem diese Novelle von tatsächlichen Erfahrungen des Autors während seiner Zivildienstzeit (1998-1999) inspiriert ist und die Darstellung sich um Wirklichkeitsnähe bemüht, ist das Geschehen an sich und insbesonder in dieser Zusammenstellung frei erfunden, und Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, Institutionen, Orten oder tatsächlichen Geschehen sind nicht intendiert und reinzufällig." N.L.]
“Eckstein” ist 2004 im Amator Veritas Verlag erschienen; www.amator-veritas.de.
Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung zum Abdruck [der unkorrigiert und unredigiert erfolgt; G.L.] und möchten Sie überdies auf einen Lesetermin des Künstlers hinweisen: Norman Liebold hält am 17.November im Kulturcafe Siegburg eine Literarische Sneak-Preview ab; sie wird diesmal unter kriminalistischem Zeichen stehen. Beginn 20 Uhr. www.kulturcafe.de; www.norman-liebold.de
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